Risiken · Stand 10/2026

Ankereffekt und Default-Effekt

Der Ankereffekt beschreibt, dass ein erster Vorschlag das eigene Urteil in seine Richtung zieht. Der Default-Effekt beschreibt die Neigung, einen vorhandenen Zustand beizubehalten, weil jede Abweichung Mühe kostet. Ein fertiger KI-Entwurf löst beides zugleich aus, auch bei Menschen, die der KI grundsätzlich misstrauen.

Auch gesucht als: Default-Effekt

Ausführlich erklärt

Das KI-Grundlagenpapier der Oberlandesgerichte formuliert es so: „Bereits das Vorliegen einer formulierten Option setzt einen Anker, von dem Abweichungen kognitiv als Aufwand empfunden werden.“ (Abschnitt A.III.2, S. 7)

Für Sachverständige ist dieser Effekt tückischer als eine Halluzination. Eine falsche Normnummer findet man beim Prüfen. Einen gut formulierten Absatz zur Schadensursache, der die Gewichtung etwas anders setzt, als Sie es getan hätten, übernimmt man eher, weil er „im Großen und Ganzen passt“.

Ein Beispiel: Die KI entwirft für einen Feuchteschaden im Holzständerwerk die Ursachenbeschreibung und nennt eine fehlerhafte Dampfbremse als Hauptursache, eine undichte Regenrinne als Nebenursache. Sie hätten die Gewichtung vielleicht umgekehrt. Aber der Entwurf ist gut geschrieben, und das Umschreiben kostet eine Stunde. Nach drei Überarbeitungsrunden ist der Text formal Ihrer, in der Argumentation aber der der KI.

Die wirksamste Gegenmaßnahme ist die Reihenfolge: zuerst Ihr Befund und Ihre vorläufige Bewertung in Stichpunkten, danach die KI zum Ausformulieren oder für Gegenargumente. Wer mit dem fertigen Fließtext der KI beginnt, hat den Anker schon geworfen.

Praxisregel

Halten Sie Ihre eigene technische Ersteinschätzung schriftlich fest, bevor Sie den ersten KI-Entwurf lesen.

Quellen

  1. Präsidentinnen und Präsidenten der Oberlandesgerichte, des KG, des BayObLG und des BGH: Grundlagenpapier „Einsatz von KI und algorithmischen Systemen in der Justiz“, 24.04.2026
    oberlandesgericht-celle.niedersachsen.de

Verwandte Begriffe

  • Automation Bias – Automation Bias ist die Neigung, Ergebnissen einer Maschine mehr zu vertrauen als dem eigenen Urteil und eigene Kontrollen zu unterlassen.
  • Assistenz vs. Beurteilung – Die Unterscheidung zwischen Assistenz und Beurteilung ist die Trennlinie, die das KI-Grundlagenpapier der Oberlandesgerichte für die Justiz zieht: Informationsgewinnung, Strukturierung, Organisation und Standardisierung sind assistenzfähig.
  • Framing-Effekt / suggestives Prompting – Der Framing-Effekt beim Prompting bedeutet: Die Formulierung einer Frage prägt die Antwort.

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